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Der Lindauer Bote
Auf Goethes Spuren
Über Jahrhunderte verband der Lindauer Bote den Bodensee mit Mailand. Seine Route führte mitten durch Chur – und schrieb europäische Verkehrsgeschichte.
Jahrhundertelang gehörte er zum Alpenverkehr: der Lindauer Bote, auch Mailänder oder Fussacher Bote genannt. Einmal pro Woche machte sich der Reit- und Transportdienst auf den Weg von Lindau über Feldkirch, Chur und die Viamala bis zum Splügenpass und weiter nach Mailand. Die rund 325 Kilometer lange Strecke war in mindestens fünf Tagen zu bewältigen – bei Schnee, Geröll oder Unwettern dauerte die Reise oft deutlich länger.
Ein Weg über die Alpen
Die Route war beschwerlich und verlangte Mensch und Tier alles ab. Von Lindau ging es zunächst per Schiff nach Fussach am Bodensee. Anschliessend führte der Weg durch das Rheintal, über Chur und die Viamala hinauf zum Splügenpass. Nach der Überquerung des Alpenkamms gelangten die Reisenden über den Comersee schliesslich nach Mailand.
Chur war dabei weit mehr als eine Durchgangsstation. Als Tor zu den Bündner Alpenpässen bildete die Stadt einen zentralen Umschlagplatz für Reisende, Post und Waren auf dem Weg nach Süden. Hier trafen die Verkehrswege aus dem Rheintal zusammen, bevor sich die Route Richtung Lombardei fortsetzte.
Goethe im Tross des Boten
Zu den bekanntesten Passagieren gehörte Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832). Auf seiner Rückreise aus Italien schloss er sich 1788 dem Lindauer Boten an und zahlte gemeinsam mit seinem Reisebegleiter Philipp Christoph Kayser 122 Gulden für die Alpenüberquerung. Die Reise führte über Chiavenna, Splügen und Chur bis an den Bodensee.
Goethe übernachtete das erste Mal in Chur am 31. Mai oder 1. Juni 1788, bevor er am folgenden Tag über Vaduz und Feldkirch weiterreiste. Seine Eindrücke hielt er später in seinem Werk «Italienische Reise» fest.
Das Ende einer Epoche
Vor 200 Jahren endete diese jahrhundertealte Verbindung endgültig. Neue Passstrassen und aufkommende Postkutschenlinien machten den gefahrvollen Botendienst zunehmend überflüssig. Mit seiner letzten Fahrt verschwand nicht nur ein Transportmittel, sondern auch ein Stück gelebter Beziehungsgeschichte zwischen Bodensee und Lombardei.
Historische Quellen gehen davon aus, dass der Lindauer Bote spätestens 1826 seinen Betrieb einstellte. Bereits 1816 regelte ein Postvertrag zwischen Graubünden, dem Handelsstand der Stadt Chur und der Kommerzkammer von Lindau den Verkehr über den Splügenpass.
Heute erinnern nur noch wenige Archivalien an den Lindauer Boten – und an eine Zeit, in der Nachrichten, Waren und Menschen auf dem Rücken von Pferden die Alpen überquerten.
Zugehörige Objekte
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