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  • Das alte Chur im Kleinformat

    10. April 2026

    Das Stadtmodell im Rathaus und sein vielbegabter Schöpfer Hans Heinrich Griesel (1918–1994).

    Wer die Rathaushalle in Chur betritt, bleibt oft unweigerlich stehen: Das detailreiche Modell der Altstadt zieht den Blick auf sich. Es zeigt Chur, wie es um 1840/1850 ausgesehen haben dürfte – ein Stück Stadtgeschichte im Kleinformat. Geschaffen wurde dieses Modell von einem Mann, der eigentlich aus einem ganz anderen Berufsfeld stammt: dem ehemaligen Kantonsgeometer Hans Heinrich Griesel.

    Das Modell entstand nicht im Auftrag der Stadt, sondern in Griesels Freizeit. Mit grosser Geduld und handwerklichem Geschick setzte er Gebäude für Gebäude zusammen. Grundlage bildete hauptsächlich der historische Plan des Churer Kartographen Peter Hemmi (1798–1852) von 1835 sowie eigene Skizzen vor Ort. Vieles musste er jedoch ergänzen oder interpretieren – etwa Details von Fassaden oder Dachformen. Gerade diese Mischung aus dokumentarischer Genauigkeit und persönlicher Handschrift verleiht dem Werk seinen besonderen Charakter.

    Perfekt trotz Schwächen
    Auch die Machart des Modells ist bemerkenswert. Das Gelände modellierte er schichtweise aus einer Mischung von Gips und anderen Materialien direkt auf einer Holzplatte. Die Häuser sind einzeln aufgebaut und farblich differenziert gestaltet, was dem Modell seine lebendige Wirkung verleiht. Fachleute wiesen später darauf hin, dass die Konstruktion gewisse Schwächen aufweist – etwa durch Spannungen zwischen Materialien oder empfindliche Oberflächen. Bei sorgfältiger Aufstellung und Schutz kann das Modell jedoch über Jahrzehnte erhalten bleiben. Gerade diese handwerklich-individuelle Bauweise unterstreicht den Charakter des Werks als engagierte Einzelarbeit.

    Stadt kauf Modell
    Bereits 1965 wurde das Modell in der Rathaushalle ausgestellt – und fand sofort grosse Beachtung. Besucherinnen und Besucher, aber auch Gäste der Stadt, zeigten sich beeindruckt. Für den damaligen Stadtpräsidenten war schnell klar: Dieses Werk sollte nicht verloren gehen. Anfang 1966 beschloss der Stadtrat deshalb, das Modell zu erwerben. Für 11'000

    Franken ging es in den Besitz der Stadt über – mit der Begründung, es handle sich um ein wertvolles Zeitdokument der Altstadt, das auch für künftige Planungen von Bedeutung sein könne und Zitat: «es wäre sicherlich ein kaum wiedergutzumachender Fehler, dasselbe nicht in den dauernden Besitz der Stadt überzuführen.»

    Der Modellerbauer
    Hans Heinrich Griesel war ein vielseitig begabter Mensch. Ursprünglich schlug er den Weg des Ingenieur-Geometers und Vermessungsingenieurs ein – eine Entscheidung, die sowohl seiner mathematischen Begabung als auch seiner Freude am Zeichnen entsprach. Seine Arbeit führte ihn oft ins Freie, was seiner Naturliebe entgegenkam.

    Auch nach seiner Pensionierung blieb Griesel aussergewöhnlich aktiv. Er widmete sich der Musik, sang im Chor und spielte Violine. Gleichzeitig vertiefte er sich in historische Studien, entzifferte alte Dokumente und verfasste sogar eine wissenschaftliche Arbeit über das Zehntenrecht im alten Zürich. Sein Wissensdurst ging so weit, dass er regelmässig Vorlesungen an der Universität Zürich besuchte – und sogar die georgische Sprache erlernte.

    Als Griesel 1994 nach schwerer Krankheit verstarb, hinterliess er mit dem Stadtmodell im Churer Rathaus ein bleibendes Zeugnis seines Schaffens – und seiner Hingabe. Das Modell ist mehr als nur ein Blickfang: Es ist ein Fenster in die Vergangenheit der Churer Altstadt.