Kopfzeile

Inhalt

  • Über 50 Jahre Taubenpflege

    2. April 2026

    Ein Blick hinter die Kulissen des Churer Taubenmanagements zeigt, wie gezielte Pflege und Kontrolle zu mehr Sauberkeit, Tierwohl und einem besseren Zusammenleben in der Altstadt beitragen.

    Der Aufstieg zum Taubenschlag im Turm der Martinskirche beginnt mit Skepsis. Stadttauben kennt man vor allem vom Bahnhofplatz – dort gelten sie vielen als lästige Plage. Sie verschmutzen Sitzbänke, Fassaden, Aussenbereiche, was regelmässig zu Beschwerden führt. Und doch pflegt die Stadt Chur nur wenige Gehminuten entfernt bewusst einen Taubenschlag – füttert die Tiere, bietet ihnen Unterschlupf und kümmert sich aktiv um ihren Bestand. Wie passt das zusammen?

    Tauben sind sogenannte synanthrope Tiere – sie haben sich wie kaum eine andere Art an das Leben mit dem Menschen angepasst. Genau darin liegt aber auch die Herausforderung: Ihr Zusammenleben mit uns muss aktiv gesteuert werden.

    Gezielte Pflege statt unkontrolliertes Wachstum
    Oben im Turm wird schnell klar: Hier geht es nicht um unkontrolliertes Füttern, sondern um ein durchdachtes System. Taubenwart Robert Berger betreut den Schlag seit 30 Jahren mit klaren Abläufen. Drei Mal pro Woche wird gereinigt und desinfiziert, die Tiere werden gezielt gefüttert und bei Bedarf medizinisch versorgt. Im Zentrum steht die Bestandskontrolle. Eier werden regelmässig ausgetauscht oder entfernt, um die Population stabil zu halten. Aktuell leben rund 80 bis 100 Tauben im Schlag, im kalten und futterarmen Wintern noch wesentlich mehr. Der Effekt ist entscheidend: Rund 80 Prozent der Tauben nisten im Turm. Der Kot bleibt damit grösstenteils an einem Ort und belastet die Altstadt deutlich weniger. Gleichzeitig erhalten die Tiere einen geschützten Lebensraum und bleiben gesünder. Wie wichtig diese Betreuung ist, zeigte sich 2014, als eine Taubenpest die Population stark dezimierte. Seither sorgt die konsequente Pflege dafür, dass sich die Bestände erholen und seither konstant bleiben.

    Lenkung statt Verbot
    Die scheinbare Widersprüchlichkeit löst sich damit auf: Der städtische Werkbetrieb verfolgt ein bewusstes Lenkungssystem. Während am Bahnhofplatz ein Fütterungsverbot gilt und punktuell gereinigt wird, bündelt der Taubenschlag in der Altstadt die Population gezielt. Die Tiere im Martinsturm bilden dabei weitgehend eine eigene Gruppe – sie sind nicht identisch mit den Tauben am Bahnhof.
    Dieses Prinzip ist erprobt: Viele Städte setzen heute auf betreute Taubenschläge. Reine Vergrämungs- oder Tötungsmassnahmen zeigen meist nur kurzfristige Wirkung. Nachhaltiger ist es, die Population kontrolliert zu führen – über Fütterung, Betreuung und Brutregulierung.
    Die Stadt Chur investiert dafür jährlich rund 6'000 Franken in Personal und Material. Eine vergleichsweise geringe Summe, die dazu beiträgt, Verschmutzung zu reduzieren, das Stadtbild zu verbessern und gleichzeitig den Tierschutz zu gewährleisten.

    Ein pragmatisches Zusammenspiel
    Am Ende zeigt sich: Was zunächst widersprüchlich wirkt, ist ein durchdachtes Konzept. Der Taubenschlag im Martinsturm ist kein Luxus, sondern ein wirksames Instrument, um das Zusammenleben von Mensch und Stadttaube zu ordnen. Er steht für einen pragmatischen Ansatz: nicht bekämpfen, sondern lenken – zum Nutzen der Tiere und der Stadtbevölkerung gleichermassen.

    Taubenwart Robert Berger mit seinen Schützlingen. Mit dem Kunststoff-Ei wird der Bestand geregelt.
    Taubenwart Robert Berger mit seinen Schützlingen. Mit dem Kunststoff-Ei wird der Bestand geregelt.

     

    Der Eingang zum Taubenschlag im Martinsturm.